ICH WOLLTE IMMER IN MEINEM LEBEN AUSBRECHEN.

DRUCK UND AUTORITÄT EMPFAND ICH ALS FEINDE.

MEINE ERZIEHER UND FREUNDE WAREN BÜCHER.

MIT DER MELANCHOLIE KONNTE ICH ENTSCHWEBEN,

KEIN TRAUM OHNE EINSAMKEIT.

An Anlässen

Erich Hirtler, Autor, Stefan Graber
Stefan Graber (rechts)

 

BERICHT IN KULTURTEIL.CH von PABLO HALLER zur Buchtaufe von «Unrasiertes Ungemach»

 

Der Gesellschaft nicht ganz zugehörig

 

Loge Luzern, 25.6.2015: Es ist unrasiert, dieses Ungemach das getauft wird, das jüngste Buch von Erich Hirtler. Was so spriesst und wer dreinposaunt, lesen Sie hier.

 

Hirtler hat einen unglaublichen Output, das steht fest. Nachdem sich der Autor Ende 2014 mit «Aus der Versenkung» von seiner längeren Südamerika-Reise zurückmeldete, landete das Werk in «041 – Das Kulturmagazin» just auf dem ersten Platz in der Sparte Literatur der besten Kulturbeiträge der Zentralschweiz. Nun also das «Unrasierte Ungemach», wo Hirtler wiederentdeckte, überarbeitete Texte aus den Jahren 1987 bis 1998 versammelt. Der nächste Band, ein zweiteiliges Prosawerk, erscheint 2016 im Bucher Verlag Hohenems. Schlag auf Schlag. So macht das Hirtler.

 

Es wurde ein schönes Buch – gestaltet wie das letzte vom fabulösen Luca Schenardi – und es ist ein schöner Abend. Superbock stimmt ein, kurz vor 20 Uhr beginnt Hirtler zu lesen. Eingerahmt von Gedanken, was denn einen Schriftsteller ausmacht, liest er zuerst aus dem neusten Text, der 1998 entstandenen Erzählung «Der Besuch». Sie handelt von einem Zwergenbrüderpaar, das abgekehrt von der Gesellschaft bedenkenlos grausame Handlungen begeht. Zwerge hätten ihn schon immer fasziniert, erklärt Hirtler. Unter anderem wohl, weil sie sich – wie er selber – «der Gesellschaft nicht ganz zugehörig» fühlen. Es ist interessant und ein bisschen diskrepant, diese kalte Klinge von einem Text durch Hirtlers doch angenehm warme, vertrauensselige Stimme zu hören. Die Gedichte («Flugblätter», 1988) sind kurz, knapp und grandios. «Gedichte sind Wölklein / Die sich zusammenballen / Und wieder verdunsten (…) Wer versteht die Buchstaben?» darauf «Gegrüsst seist du Maria / Ich verstehe dass du nicht mehr / Gebären willst (..) Nun bist du durchgebrannt / Mit einem Neger / Und scheinst im Himmel zu sein (…) Keine Angst / Niemand hatte dich erkannt». Hier passt die Stimme, die die Worte formt, ummantelt, sie ans Ohr trägt. Hier passt alles.

 

Hirtler ist nicht allein. Einer posaunt drein. Das ist Beat Unternährer. Witzig, virtuos und mit einem guten Ohr für Hirtlers Sound und Inhalte, interpretiert, ironisiert er das Gesprochene. Nach knapp fünfzig Minuten ist Schluss.  Die Worte drehen sich weiter. Hacken sich fest. «Ich höre Pfeffer. Heisst das, dass du jetzt was werden willst?» Von Erich Hirtler wird man lesen. Bald. Und mehr. Bis dahin reicht dieses «Unrasierte Ungemach» allemal. Ein teil hartes, teils karges, stets stimmiges Spriessen, das auch sprachlich seine Flughöhe nie verlässt.

 

 

 

Gedanken und Fragen zum AUTORENTUM an der Buchtaufe von «Unrasiertes Ungemach», Loge Luzern, 25. Juni 2015

 

Als mir die Texte im nun neuen Buch, einst ab- und weggelegt, zufällig wieder in die Finger gerieten bei der Suche nach Reisenotizen, die ich nicht mehr auffinden konnte, sah ich sie aus der zeitlichen Distanz anders an. Sie waren mir näher als damals. Die Texte, die ich fürs Buch auswählte, verbindet etwas Unerbittliches, Unausweichliches, das oft abstrus und absurd daherkommt.

Schriftstellern ist immer auch ein Spiel mit dem Feuer. Wie soll man allein bei sich selber beurteilen, ob wirklich gut ist, was man schrieb? Wie weit kann man dem Urteil von aussen trauen? Und doch macht die Erwartung von Reaktion einen grossen Teil des Anreizes aus. Man kann nie ganz sicher sein. Es sind immer nur Versuche, neue Anläufe und eine ständige Bereitschaft zu Wandlung.

Wie wird man überhaupt zum Schriftsteller? Indem man ein Buch schreibt? Drei, vier, mehr? Indem es einem gelingt, überhaupt mal ein Buch zu schreiben? Eine Biografie schon? Memoiren? Churchill erhielt dafür den Nobelpreis. Reicht es schon ein Fachbuch zu schreiben, um als Schriftsteller zu gelten? Sind es letztlich vor allem bekannte wie Frisch? Zweifelsfrei? Ist wer politische Fiktion schreibt schon ein Schriftsteller? Oder ist ein Schriftsteller, wer ewige Themen wie Liebe, Hass behandelt? Sich einigen zu wollen, gäbe wohl ein babylonisches Palaver.

Braucht es ein Fieber zum Schreiben? Einen Drang? Leidenschaft? Leiden? Wenn ja, wieviel davon? Muss man im Widerspruch zur Gesellschaft stehen? In Konflikt mit ihr sein? Muss man also eine Utopie im Kopf haben, wie die Welt, das Leben anders aussehen könnten?

Die Texte im neuen Buch sind teils über 20 Jahre alt, aus einer Zeit als ich unbekümmerter mit Themen umging und ein einheitlicheres Selbst- und Weltverständnis hatte.

 

Wollte ich Schriftsteller sein oder werden, als ich z.B. die Texte in diesem Buch schrieb? Hatte ich bereits die nötige Entschlossenheit dazu? Oder was gab schliesslich den Ausschlag zu einer solchen Ausrichtung? Die Lebensanschauung? Erfahrungen? Oder ein Trieb, Spuren zu hinterlassen? Ein Mitteilungsbedürfnis? Das Bedürfnis wahrgenommen zu werden? Gier, Vermessenheit, der Drang mitzugestalten? Oder das Spiel mit dem Feuer, Feuer zu entfachen?

 

Manche sagen, was ich erlebt habe, gäbe auch ein Buch. Macht es das aus, die spezielle, vielleicht spektakuläre oder tragische Erfahrung, die einen zum Schriftsteller werden lässt?

Gewöhnlich schreiben sie das Buch dann doch nicht. Aus Zeitmangel? Weil der Funke nicht springt? Der ordnende Gedanke fehlt? Tauchen Zweifel vor oder bei der Umsetzung auf? Fehlt es an Sitzleder, an Geduld? Verliert sich der Kern? Der Gehalt? Sind sie letztlich doch nicht tief genug berührt von der Sache, nicht gefangengenommen? Sind sie mehr von der Sensation gepackt, als dass sie der Muse nachjagen?

 

Wie die Aufmerksamkeit als Schriftsteller fesseln? Das scheint heute fast die Hauptsorge zu sein. Sei es im bitter notwendigen Management oder bei einem Auftritt. Die Besessenheit, den vermeintlichen Unterhaltungsdrang zufriedenzustellen.

Wieviel Werbung, Effekte erträgt es? Ist es nötig, sich auf den vorherrschenden sportsmässigen Wettbewerb einzulassen?  Braucht es bei einem Auftritt eine exzentrische Frisur, Magiertricks?

Ab wann wird man zum Lakai von angeblich bewährten Mitteln? Braucht es denn bei einem guten Text unbedingt Stimuli zur besseren Aufnahme und Resonanz oder zur Verdauung des Vorgetragenen? Eine gewisse Magie und Auflockerung scheint nötig. Gut jedenfalls, wenn auch Magie im Text vorhanden ist, schlecht, wenn er fürs Publikum nur Beigemüse ist.

Soll man dem Zuhörer mit dem vorgelesenen Text Gelegenheit geben, Luft abzulassen, so wie man unter Umständen beim Schreiben Krämpfe lösen kann? Oder soll man einfach nur ermöglichen mitzufühlen, mitzudenken, mitzugehen? Wie ernst, wie provokativ, brisant sollen die vorgetragenen Texte sein? Oder diese Auswahl dann doch eher schnippisch, grotesk, unbekümmert spassvoll gestalten?

ERICH HIRTLER

 

 

REFERAT VON STEFAN GRABER, Kulturvermittler Luzern

anlässlich der Buchtaufe des Romans «Die mittlere Freiheit» am 12. November 2010 in der Buchhandlung Hirschmatt Luzern

 

Sehr geehrte Damen und Herren

Herzlich willkommen zur heutigen «Buchtaufe» hier in der Hirschmatt-Buchhandlung. «Getauft» wird der Roman «Die mittlere Freiheit» von Erich Hirtler. Der Roman bildet den Abschluss einer Trilogie. Die Trilogie trägt den Titel: «Leben in der Schweiz».

Ich werde Ihnen jetzt diese Trilogie vorstellen. Anschliessend wird Erich Hirtler aus seinem neusten Roman lesen und Ihnen dann einen Einblick in seine Schreibwerkstatt gewähren.

Zur Trilogie «Leben in der Schweiz» gehören in chronologischer

Reihenfolge:

• zuerst «Reise durch die Gebärmutter und die Wüste», ein Gedicht mit dem Untertitel «Katholisches Roulette»,

• dann «Das kriegen wir hin!», ein Roman mit dem Untertitel «Ein Schweizer Alptraum»

• und schliesslich «Die mittlere Freiheit», wiederum ein Roman, er trägt den Untertitel «Notizen aus der Syphilisation».

Der erste Band ist eine lyrische Eruption. Gleichzeitig ist er die Basis und die Gelenkstelle für die Trilogie. In diesem grossen Gedicht geht es um das «Auf-die-Welt-Kommen», um das «Anfangen» in der Mutter, in der Familie, der Welt, der Kultur, der Gesellschaft, der Schweiz. Es geht aber auch um eine andere Geburt, die Geburt des Schreibens. Erich Hirtler notiert auf der Rückseite des Vorsatzes:

«Die Phantasie ist geweckt. Das ist der Anker im Leben.»

Das grosse Gedicht «Reise durch die Gebärmutter und die Wüste» ist also eine «Reise» ins Schreiben – und das Schreiben wird zum «Anker im Leben». Mich fasziniert dieser Text immer wieder neu – mit seiner zärtlichen und wuchtigen, bilderreichen Sprachkraft, mit einer Sprachkraft, die oszilliert wie die Farben eines Opals.

Der zweite Teil der Trilogie, der spannende Roman «Das kriegen wir hin! Ein Schweizer Alptraum» führt uns in die Welt eines Journalisten, in die Welt von Lucky Springer. Er recherchiert im Fall Nyffenegger. Nyffenegger ist Gemeinderat und Regierungsratskandidat einer Agglogemeinde. Der Gemeinderat hat dem Bruder von Nyffenegger ein Steuergeschenk gemacht. Lakonisch schreibt Erich Hirtler, erneut auf der Rückseite des Vorsatzes: «Der Roman ist angeregt durch einen realen Korruptionsfall in der Provinz. Die Handlung ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig.»

Im abschliessenden Teil der Trilogie steht erneut ein Journalist im Zentrum, genauer ein ehemaliger, langzeitarbeitsloser Journalist, Ritschi Telli. Ritschi Telli bringt keine Spannung mehr auf für den kritischen Journalismus, er erlebt die Schweiz als «Zivilisationskerker», als angesäuerte «Syphilisation». Er richtet sich in einer «mittleren Freiheit» ein, es ist eine mittlere Freiheit, die betäubt ist von Alkohol und Frauen. Ob er aus seiner Verkrampfung in dieser «mittleren Freiheit» herausfindet, möchte ich hier nicht verraten.

Wenn wir die Trilogie betrachten, fällt auf, es geht in der Trilogie

• immer um die aktuelle Schweiz,

• immer um ein Ich,

• immer um die Frau bzw. die Frauen als Bezugspunkte und Ordnungsgrössen,

• immer um das Schreiben,

• immer um die Frage, wie kann der einzelne Mensch im

«gesellschaftlichen Zirkus» Mensch bleiben.

Kommen wir zum Schluss nochmals auf den neusten Roman zu sprechen. S. 12 steht das Satzfragment: «Ein Fall.» Tatsächlich handelt «Die mittlere Freiheit» von einem Fall, von einem Fallen, von einem Einfallen von (anderen) Leben und von einem Einfall. Schreibt doch ein Journalist einen Text über die Schweiz und über einen Journalisten, der seinerseits einen Text über einen Journalisten schreibt, der über die Schweiz schreibt. Dieses geschickt eingefädelte formale Kreisen korrespondiert mit dem Lebens-Kreisen und einem gesellschaftlichen Eingekreist-Sein. Und es korrespondiert mit einem Schreiben, das ein Ausweg und zugleich ein Weg ins Aus ist. Mit «Die mittlere Freiheit. Notizen aus der Syphilisation» ist Erich Hirtler ein Roman gelungen, der fein ausgestaltet ist, der überzeugt mit seiner scharfen Gesellschaftskritik, der geleitet wird von einem sicheren Gespür für Spannungsbögen und Dramaturgie und der geprägt wird von einer grossen sprachlichen Reflexivität – also ein Buch, das sehr lesenswert (und – wir sind in einer Buchhandlung – kaufenswert) ist.

 

Erich Hirtler, Autor

 

REFERAT bei Lesung aus «Die mittlere Freiheit», Chäslager Stans, 23. März 2011

 

Was, wenn man hier nicht mehr zuhause ist? Wenn man nicht mehr mitmachen kann? Wenn die Maschen so eng werden, dass man sich darin verstrickt oder herausfällt? Was, wenn man sich nicht so verhält, wie es der Rahmen vorgibt, damit alles reibungslos abläuft? Wenn sogenannte Sachzwänge Leben verhindern, es verwischen? Was, wenn man nur noch spuren soll, wenn, was nicht ins Korsett passt, neutralisiert wird?

Dann wohin mit sich? Ins innere Exil? In die Revolte? Sich verweigern und seiner Richtschnur folgen? Man muss sich nicht vereinnahmen lassen. Daher Ritschi. Darum dieses Buch. Die individuelle Verwirklichung, zu der wir in der halt- und ziellosen, lebens- und lustfeindlichen Gesellschaft angetrieben werden, bedingt die innere Revolte als Selbstverteidigung. Plötzlich steht man in Opposition. Die angebotenen Identifikationsmuster erweisen sich als Schablonen. Bestätigungen, die bisher genügten, erscheinen nun als Falle. All die vorgegebenen Standards, das Leben aus zweiter Hand. Der Mensch wird klein, verschwindet. Plötzlich erkennt man, dass die eigenen Ansprüche nicht zählen, übergangen werden, abprallen an den Vorgaben. Der heutige Mensch ist ein «Kunde», die eine Seite interessiert sein Konsumverhalten, die Behördenseite legt Kontrolle und Verbote auf. Kaum noch etwas ist gegeben, fast alles trügt, ist verfälscht, die Arbeitswelt ist verseucht. Ritschi, der als Looser gilt, weiss es sich einzurichten, dass er sich leben spürt. Es hat keinen Sinn, sich anzulegen, es genügt, sich zu verweigern. Ist Ritschi asozial? Staat und Gesellschaft zielen auf die Integrierung in eine abstrakte Ordnung ab. Ein Arm davon sind die Arbeitsämter, ein Helfer dabei ist auch die Psychotherapie. Die Situation des Einzelnen wird ausgeschaltet.

Ritschi ist der Versuch, in einem System, das den angepassten Tüchtigen und die Begüterten belohnt, das, was sich ihm bietet, ohne falsche Scham zu nehmen und sich selbst zu sein. Das Buch will ein Lebensgefühl vermitteln: Der Mensch will frei denken und handeln, er will brennen. Ritschi will leben, sich nicht einschnüren lassen. Wirklich frei von vielem wird er, als er sich schliesslich nicht um weitere Sozialleistungen bemüht.

Der bisweilen überspannte Begriff von Freiheit, der überhaupt den heutigen Menschen fesselt, erklärt teils Ritschis exzessives Sexualleben. Sexualität ist ein Ausdruck von Freiheit, ein Ventil, ein ausgleichendes Moment. Ritschi kostet aus, geniesst und steht dazu. Die Exzessivität des Sexuellen ist auch eine Antwort auf ein das Natürliche und Spontane unterdrückendes System, in der dafür das Perverse wuchert. Sexualität wird von «höherer Stelle» als anarchisch wahrgenommen, weil sie befreit, Kraft gibt, sich zu einem kommen lassen, unabhängiges Denken fördern kann. Ritschis Einstellung ermöglicht eine Abkehr vom drohenden Depressiven, mit dem Langzeitarbeitslose immer zu kämpfen haben. Er trinkt zudem, um ärgerliche Vorfälle und seinen Zorn darüber abzudämpfen und angenehmere Gefühle zu haben.

Ist Ritschi egoistisch und zynisch? Ist eine bestimmte Form von Zynismus nicht lebenserhaltend in einer Welt, die von Markt und subtiler Kontrolle beherrscht wird bzw. sich beherrschen lässt, wo Werbung und Information ineinander übergehen, inflationär reiner Selbstzweck werden, wo sich eine Sinnentleertheit eingestellt hat, wo vieles Schein ist? Die Phrase «Es geht uns doch recht gut, was willst du noch mehr?» entspringt im Grunde einer Verdachts- und Abwehrhaltung. Ritschi will sich nicht länger vom allgemeinen Argwohn und dem Missmut leiten lassen, dem gerade verdächtig erscheint, wer unbekümmert oder sogenannt auffällig ist. Genau genommen wird bald jeder andere als potentieller Störfaktor betrachtet oder wie jemand, der einem etwas zuleide getan hat. Ritschi nimmt es sich heraus, die engen Grenzen zu überschreiten, wie auch die Ringe der Selbstkasteiung zu sprengen. Er duckt nicht, er schaufelt sich allmählich frei.

Der arbeitslose Ritschi will nicht länger Handlanger der Empörungs- und Skandalmaschine Medien sein. Die Medien haben kein Gedächtnis, keine eigentlichen Subjekte, bloss Platzhalter, Zusammenhänge und Hintergründe bleiben auf der Strecke, es wird nach Marktgesetzen instrumentalisiert, sie fügen sich ins allgemeine Palaver ein. Man meint, es geschehe etwas. Darunter lauert die Leere. In der allgemeinen Leere gieren die Leute zum Zeitvertreib und zur Erregung nach vermeintlichen Nachrichten. Sportliche Heldentaten, Promis, ritualisierte Politdiskussionen lenken vom Eigentlichen und sich selber ab. Wie soll man da die ersehnte Orientierung finden? Ununterbrochen wird von Lösungsfindungen geredet, die Probleme aber bleiben unerörtert. Der ständige Verweis auf Demokratie wirkt fade. Es hat sich eine rationale Sprache festgesetzt, die das Denken und Handeln entleerend beherrscht. Ritschi brächte, selbst wenn er wollte, für eine neuerliche Anstellung den erforderlichen Stallgeruch nicht mehr mit. So auch für andere Berufe, durch seine Biografie suspekt.

Der Roman «Die mittlere Freiheit» hat nichts mit Weltschmerz zu tun. Es geht um eine Haltung in dieser oder gegenüber dieser Zivilisation. Es geht um den Schein, die einengende Überkorrektheit, die scheinbaren Sachzwänge. Es geht darum, Gängiges zu unterlaufen, aufzubrechen, zur Diskussion zu stellen. Daher ist Ritschi provokativ angelegt. Er lebt sein Leben, lässt sich nicht bevormunden, er legt sich nicht an, er entschlüpft. Das System läuft an ihm vorbei, prallt an ihm ab. Ritschi will authentisch sein.

Die Deutschschweiz gibt eine dankbare Matrize ab, um Zivilisation zu durchleuchten. Sie ist eine Produktionsstätte von Zwängen, u.a. das überholte Arbeitsethos, eine Brutstätte von Wahnen und Ängsten. Unter der Oberfläche brodelt es. Es ist ein Zivilisationskerker, eine stille saubere Hölle, ein Wahnsinn, der fein reguliert ist. Das macht krank, darum der Untertitel «Notizen aus der Syphilisation». Krank machen unterdrückte Spontaneität, sich einengen, unterordnen lassen, falsche Schuld- und Schamgefühle, die subtile Grenzsetzung von aussen her. Wer sich nicht ins Getriebe einfügt, wird neutralisiert, kommt flugs an den Rand. Ritschi fühlt sich in den Randgebieten ohnehin wohler. Wo es kaum etwas zu verlieren gibt, hat es noch Platz für Träume, für andere als die organisierten Erlebnisprodukte.

Wir haben es doch gut hier? So der allgemeine Tenor. Es ist für alles gesorgt. Man lullt sich ein. Solange es einen nicht trifft, kann man leicht über manches hinweggehen. Ein Gros der Deutschschweizer findet in der Rechtschaffenheit eine gewisse Befriedigung, belächelt die anderen, hält sie auf Distanz. Arroganz kaschiert häufig Verklemmtheit. Besserwisserei, Sonderfalldenken lassen meinen, auf allen Gebieten bewandert zu sein. Dank Denktabus, schickt es sich nicht, über gewisse Dinge zu reden. Alles Wilde wird eingedämmt.

Der brave Deutschschweizer, denkt man, und dann ist man überrascht, wenn man übers Ohr gehauen wird. Schein, Design. In der Deutschschweiz muss man sich alles verdienen, nur schon als Person toleriert zu werden, durch «korrektes» Verhalten, Gruppenzugehörigkeit und sogenannten Kompetenzen. Die hier zirkulierende Angst beengt, verunsichert. Woher das subtile Schweigen, die Härte, der Argwohn in diesem sich abschliessenden Teil der Schweiz? Wie tief muss der Frust ungelebten Lebens sein! Soll Ritschi sich ständig damit infizieren lassen oder dagegen angehen?

Ich schreibe, was ich kenne, was mich erregt, woran ich leide. Ohne Lust, ohne Leiden und auch Leidensbereitschaft geht nichts. Ich war auch lange genug engagierter Journalist, um in das Funktionieren von Behörden und Wirtschaft hineinzusehen.

Direkt liegen «Der mittleren Freiheit» als Erfahrung meine mehrmalige Arbeitslosigkeit, zwei Beschäftigungsprogramme, ein Praktikum, die Lehrtätigkeit mit erwerbslosen Ausländern zugrunde. Der Roman hat sich aus zwei Schreibvorhaben entwickelt. Zuerst wollte ich 2006 Erlebnisse in einem Beschäftigungsprogramm in Polen in einer Erzählung verarbeiten, dann legte ich dies mit einem Roman über die Bewohner in einem Wohnblock zusammen. Alles spielte sodann in der Schweiz. Mein Erfahrungshorizont ist die autobiographische Parallele zum Roman. Es handelt sich aber um keine Autobiographie, diese Art Detailtreue interessiert mich nicht, was mich interessiert, ist das Entwerfen aus meinem Fundus heraus.

Insgesamt habe ich während vier Jahren an diesem Buch gearbeitet. Zuerst stehen zündende Einfälle, dann lege ich Szenen in einer Abfolge fest, die ich anzuschreiben beginne. Die vier Teile «Der mittleren Freiheit» standen nach zwei Jahren fest. In einer Fassung schaffe ich es nicht. Ich versetze Szenen, neue kommen hinzu. Hinsichtlich der Figuren: Ich habe immer wieder welche verworfen und neue gesetzt, bis sie zur ihnen bestimmten Funktion passten. Während im ersten Roman «Das kriegen wir hin. Ein Schweizer Alptraum» die Mechanismen der Macht und der Medien innerhalb einer rasanten Handlung um einen Korruptionsfall im Vordergrund stehen, ist nun im dritten Buch, die Charakterisierung der Figuren, die Einfühlung in sie wichtiger geworden.

ERICH HIRTLER