ICH WOLLTE IMMER IN MEINEM LEBEN AUSBRECHEN.

DRUCK UND AUTORITÄT EMPFAND ICH ALS FEINDE.

MEINE ERZIEHER UND FREUNDE WAREN BÜCHER.

MIT DER MELANCHOLIE KONNTE ICH ENTSCHWEBEN,

KEIN TRAUM OHNE EINSAMKEIT.

Leseproben

Die Abartigen

Heute, 2030, sind Begriffe wie «Kritik» und «Analyse» verschwunden. Gewisse Wörter der Beurteilung sind wie verdampft oder werden als «Unwörter» wahrgenommen. «Kommentar» hat eine ganz andere Bedeutung angenom-men, die des neutralen Aufzählens. Wir leben vorgeblich in einer perfekten Welt. Ich, Holeček, konnte dennoch einiges mehr von mir als nur meinen Namen bewahren. Wir, die ein Gedächtnis haben, sind eine kleine Minderheit. Wahrscheinlich war das schon immer so. Der Untergang der Titanic bewegt zwar noch immer die Gemüter, aber nicht die evidente Zerstörung der Lebensgrundlagen. Wer auch erin-nert sich noch an die Anschläge im vergangenen Jahr «einiger Verrückter» aufs Weisse Haus in Washington, das die Präsidentin Hannah McDick-Faithfull aber unbehelligt liess? Ganz zu schweigen von «Nine-Eleven». Nachdem sich ab 2019 entgegen dem üblichen Weltenlauf durchsetzte, wer tatsächlich hinter dem Angriff aufs WTC steckte, wurden die jährlichen Gedenkfeiern schliesslich eingestellt. Der «verwegene» Medienkonzern, der damit Wahlpropaganda für die Demokraten betrieb und sich in angemessenem Zeitabstand zum Ereignis wähnte, aber doch den «unermesslichen Schaden für die amerikanische Nation» in Kauf nahm, wurde ebenfalls und durch nie «aufgeklärte Täterschaft» Ziel einer gewaltigen Detonation, was zunächst als Beweis der ursprünglichen Version des Terroranschlags von 2001 ausgegeben wurde. Absurd? Systemlogik. «Nine-Eleven» mit der nachfolgenden «Verteidigung der Zivilisation» erschütterte letzte Sicherheiten. Die Unverfrorenheit, die Symbolträchtigkeit liessen bereits im Moment des Anschlags eine neue Dimension von Herrschaft im Kern erahnen. Die «Welt» durfte nie mehr die gleiche wie vorher sein. Die Ausbeutung der Ressourcen wurde noch forciert, ebenso der Konsum, «Kaufen nicht kneifen», «Konsum unsere Kultur». Die Gemeinheit hat sich durchgesetzt. Heute sind die Terrorankündigungen Alltag, mehr noch, der Alltag ist auf Terror errichtet, gelebter, integrierter Terror, nicht nur angedichteter oder angedrohter und in Abständen massiert auftretender. Die Terroristen sind natürlich immer noch nur die anderen. Der Terror hat angeblich «tausend Gesichter», jeder, auch wenn er im Grunde exakt gleich aussieht wie er oder sie, kann ein Terrorist sein. Die Leute haben das gefügig längst verinnerlicht.

In, wie mich dünkt, wohlerwogenen Intervallen geschehen Anschläge, manchmal gehäuft. Stets die gleichen Gruppierungen? Fatalistische Esoteriker oder Freikirchen-Global-Players? Der RAZ-Block, der Russisch-Arabisch-Zentralasiatische Staatenbund mit seinen auch selbständig agierenden islamistischen Zellen, oder der Chinin, China und seine Satelliten Indien und Indonesien, worin auch die einstigen Tigerstaaten aufgingen? Oder jeweils die eigene Regierung? Inszenierte Staatsräson?

Das Vereinigte Königreich Grossbritannien bildet mit den USA, der EU und dem je nach Lage sich assoziierenden Japan den dritten beziehungsweise den ersten Block, die Atlantik-Pazifik-Union. Noch einige weitere kleine Gebilde gehören dazu, wie das US-Protektorat Schweiz, das naturgemäss reiner Finanzplatz und Rohstoffhandelszentrale ist und als weiterer Stern in der US-Flagge glitzert, von einem US-Governor regiert, der von den sieben Weisen, den gleichzähligen Bundesrat gibt es nicht mehr, beraten wird. Staatsoberhaupt ist dort der US-Präsident. Gibraltar übrigens ist nach wie vor «britisches Überseegebiet».

Unrasiertes Ungemach

Aus: Der Besuch


Gestern klopfte hier einer an. Ein Aussteiger? Ein fader Künstler? Wir werden nicht schlau aus ihm. Vielleicht auch ein Lehrer. Er war außerordentlich müde, aber wir trauen ihm nicht. Er spricht zu viel und sagt nichts. Alles Maskerade. Oder ist er bloß einer dieser zahllosen höflichen Menschen, eine bedeutungslose Null? Er wirkt gewöhnlich, er könnte vieles sein. Sein Rucksack ist blödsinnig schwer. Ich wüsste nur zu gern, was da drin ist. Doch meistens wird man enttäuscht. Es sind Socken, und es sind immer die gleichen Socken, es ist eine Apotheke, immer das gleiche Modell, es ist ein Kompass, ein Höhenmesser, Karte, Pullover, Daunenjacke, Schlafsack, eine Thermosflasche mit Tee nach einem sogenannten Geheimrezept, Trockenfleisch oder Käse, Dörrfrüchte, Süßigkeiten. Was die Leute eben so mitschleppen, wenn sie in die Berge gehen, nichts, das aus der Ordnung fällt. Sie glauben sich damit für alle Eventualitäten gewappnet. Er lässt seinen Rucksack nicht aus den Augen. Ich folglich auch nicht. Er spricht viel, aber aus seinem Namen scheint er ein Geheimnis zu machen. Wir fragten ihn auch nicht danach. Bisher gelang es uns, sein Gerede zu übergehen. Was also sollte sein Name? Ein Name beschäftigt, bedrängt.


Aus: Der Tod des Hundes des Vaters


– Grundsatz Nummer eins: Übertrage alle Liebe auf deinen Hund, auch wenn du keinen hast. Ich werde Ihnen einen Gummisohn kaufen, der nicht widersprechen kann.

– Ein Gummihund wäre mir lieber, Sohn, weil er ein Fell hat. Das erzeugt bessere illusorische Effekte.

– Wir haben das ganze Arsenal beisammen, Kind, vom Hochzeitsgedeck bis zum Cyberspace. Alles funkelt wie neu.

– Ich will das Chaos nicht entfremden, ihr Eltern unbeirrbar’ Gnaden. Dass nichts euch anrührt, was nicht für immer seinen Platz gefunden.

– Der Weg aus dem Haus ist uns freilich doch etwas zu weit, wir nehmen geduldig unser Schicksal hin, Kind. Geben Sie auf Ihre Verwirrung acht.

– Ich schlafe ein.

– Im Wartesaal des Lebens.

– Ich werde auch alles hinter mich bringen und von der Jugendzeit schwärmen. Ich werde stubenrein werden.


Aus: Die Jagd


Du schreist? Liv? –

Ich wollte dir doch nichts antun. Warum schliefst du nicht weiter? Hättest du doch ewig so weiter geschlafen. Mit diesem friedlichen Gesicht. Ich hätte auch nichts mehr einzuwenden gehabt, wenn deine Gedanken nicht bei mir sind. Nur verachten solltest du mich nicht.

Ich dachte nicht, dass es dir wehtäte. Ich dachte, du würdest kaum mitbekommen, was ich so sanft anging. Oder schliefst du gar nicht? … War ich dir so gleichgültig, dass ich Luft für dich war? –

Du schriest. Ich erwachte. –

Nachdem du dich ausgeweint hattest – ich war hinausgegangen – tratst du zu mir und sagtest ganz ruhig, dass es wohl das Beste sei, sich gleich jetzt zu trennen. Ob ich so gut sei und mich auch ans Aufteilen der Sachen mache. Während sie packte, war sie beinahe aufgeräumt. Sie wusch sogar ab und sagte, vielleicht habe sie auch einen Fehler gemacht. Ich wollte selber gestehen, aber brachte es nicht über mich. Ich senkte nur den Kopf.

Sie nahm den Rucksack auf. Sie gehe jetzt, sagte sie und küsste mich noch auf die Stirn. Zwar nur flüchtig, aber versöhnlich, schien mir. Sie konnte also nicht allzu verärgert sein. Ich wünschte ihr Glück auf dem Weiterweg. Sie gehe direkt zur Station Kebnekaise und dann gleich nach Stockholm.

Wir könnten uns in zehn Jahren treffen, sagte sie nach kurzer Überlegung, hier zur selben Zeit. Sie lächelte. Ich nickte, überrascht. Dann drehte sie sich um. Ich schaute ihr nach.

Bald war sie weit weg.


Aus der Versenkung

Ich hielt nach einem Taxi Ausschau. Ein beinloser Krüppel auf einem fahrbaren Gestell schoss auf mich zu. Ich versuchte ihn abzuschütteln. Er hielt sich an mir fest. im Anzug sah man mir nicht mehr an, dass ich nichts hatte. Ein Taxifahrer winkte mir zu. Es war der von gestern. Ich stieg auf ihn und ins Taxi ein. Ein Fehler? Möglichst keine Fragen provozieren. Der Krüppel schlug an die Türe. Nerven behalten! Mich nicht wieder hinunterziehen lassen! Señor, an den gleichen Ort wie gestern? fragte der Taxifahrer mich im Rückspiegel betrachtend. ich überlegte. Ja, sagte ich. Mochte er denken, was er wollte. zur Verlobten? fragte er und kicherte kumpelhaft. Die Novia. Die Lady im weissen Hemd. Bluthochzeit. idiotisch! Ich wohne dort, sagte ich. Ich dachte im Hotel, sagte er. Bis wir verheiratet sind. Genaugenommen wohne ich also nicht bei ihr, sie wohnt dort. Wusste er Bescheid? Wie aufreizend lässig er plötzlich das Steuerrad hielt. Wenn wir verheiratet sind, ziehen wir weg, fügte ich hinzu. Mögen Sie Ciudad del Este nicht? fragte er. Alle Latinos sind stolz auf ihre Heimatstadt, so verkommen sie auch ist. Weil sie nichts anderes kennen? Bemitleidenswert rührend und penetrant. Es geht, sagte ich. Es ist eine Metropole, wir boomen, hier ist Geld, die Hochhäuser, der Lago de la República, die Fälle, wir haben etwas zu bieten. Das schon, erwiderte ich. Ich schaute zum Fenster hinaus. Wo waren wir? Señor, Sie schwitzen? fragte er. Mein neues Hemd wies einen dunklen Streifen vom Hals bis zum Nabel auf. Doch ich schwitze sowieso rasch. Der Kragen drückte mich. Roque vor der Hinrichtung. Sie fuhren ihn an eine abgelegene Stelle. Ein Missverständnis. Er schaute seine Kollegen fragend an, obwohl er wusste, dass sie fanatisch entschlossen waren. Sie hiessen ihn niederknien. Warum gehorcht man in solchen Situationen? Seine Verwirklichung? Ha! Ein begnadeter Autor! Ich löste die Krawatte. Sie knallten ihn wortlos nieder, jeder einen Schuss ins Genick, von hinten abgeknallt. Es war nicht nötig ihn festzuhalten. Sie liessen ihn liegen, eine Abfallhalde. Wenn er nur schneller führe! (Seiten 109f.)

 

Aus der Trilogie «Leben in der Schweiz»

Die mittlere Freiheit. Notizen aus der Syphilisation

(Roman)

 

«Das sieht nicht so gut aus.» Es sah bedenklich aus. Priska zeigte mir ein Diagramm, das aussah wie eine Herzkurve, spitze Berge, die aber nie den dicken, schwarzen Balken auf dem Blatt erreichten. «Man geht vom Index 10 aus, Sie haben einen Index von 3,5 mit abnehmender Tendenz», erklärte meine steile RAV-Beraterin, fasziniert von der Kurve. «Ungenügend. Zwei bis maximal fünf Bewerbungen haben Sie pro Monat gemacht. Mindestens sechs Bewerbungen wären nötig, zehn sollten es im Durchschnitt sein, darum der Index zehn.» Die folgende Seite wies das Gleiche als Säulendiagramm aus. Sie sah mich mit saurem Lächeln an. Dieses sperrige Weib reizte mich.

«Sie wissen, dass der letzte Chef mir kein Zeugnis schrieb und ich ihn auch nicht als Referenz angeben kann.»

Der Verlagsleiter der Zeitung, bei der ich Redaktor war, warf mich als «geschäftsschädigend» raus und machte mich bei anderen Verlegern schlecht. Er trieb sich in der Redaktion herum, schaute einem auf den Bildschirm, änderte Titel ab, kippte Artikel aus dem Blatt. Über Arbeitslosigkeit zum Beispiel durfte man nicht schreiben. «Die Arbeitslosen sind keine Abonnenten.» Ebenso verhielt es sich mit den Ausländern. «Das sind Analphabeten. Recherchieren Sie anderswo, schreiben Sie aufbauende Geschichten. Wir wollen den Leser und die Leserin neben den Alltagssorgen nicht noch unnötig belasten.» Ich war angestellt, um «zu recherchieren, Geschichten zu schreiben, aufzudecken». Der Journalismus aber ist entstellt, man kann nicht ernsthaft arbeiten, nichts in Frage stellen, nichts tiefer verfolgen, man wird entweder zum Zyniker oder gleichgültig oder eitel, außer man ist schon von Anfang an nichts. Man muss Reize, Kitzel liefern und Klischees bedienen, den Leser in seinen manipulierten Ansichten, Vorlieben, seinem Zorn bestätigen. Dem Journalismus ist in den letzten Jahren der letzte Biss ausgetrieben worden, der Journalist soll den eigenen Gedanken misstrauen. Als sogenannter Reporter oder Redaktor muss man ununterbrochen Politikern und Experten nachrennen, also nichtssagenden Leuten, «Realpolitikern» und Technokraten. Für jeden vernünftigen Kerl ist klar, dass das Leerlauf ist. Karrieremöglichkeiten interessierten mich erst recht nicht. Dann ist man wirklich verkauft.

«Zehn Bewerbungen schreiben, das ist doch nicht zuviel verlangt!»

Es gab kaum Stelleninserate. Und die immergleichen Betriebe anzuschreiben, neue Funktionen auszudenken, ins Blaue hinaus zu bewerben, war witzlos.

«Wenn Sie sich wieder integrieren wollen, müssen Sie sich anstrengen, sonst sehe ich definitiv schwarz.» Schön formuliert, «definitiv». Ihre Adern traten hervor. Das liebe ich. Sie hatte diesmal olivfarbene Hosen aus einem feinen Stoff an und ein dunkelblaues Shirt, an den Seiten verschnürt. Ihre Brüstlein waren sehr spitz. Vielleicht wog sie 50 Kilo. Gerade genug Fleisch, knackiges Fleisch.

«Ich gebe zu, es ist nicht leicht. Aber Sie stempeln schon zehn Monate. In acht Monaten würden Sie ausgesteuert werden! Sind Sie sich dessen bewusst? Das wollen Sie doch nicht!? Es ist noch nicht alles verloren. Es ist nie alles verloren. Die Wirtschaft zieht wieder an. Diesen Monat konnten sich schon wieder zwei bei mir mit einer Stelle abmelden. Manchmal greift ein Betrieb auf eine Blindbewerbung zurück und schreibt gar nicht erst aus. Man darf nichts unversucht lassen.»

Alle Hebel in Gang setzen, wie wenn man am Versinken wäre. Priska redete mir ins Gewissen, aber selber hatte sie keine Ideen. Sie mochte noch soviel von geilen Hosenanzügen und Schnür-Shirts verstehen, auf dem RAV waren sie genauso hilflos wie überall auch.

«Geben Sie mir eine Arbeit. Warum heißt diese Stelle überhaupt Arbeitsvermittlungszentrum?»

Die Sonne stach herein. Es war stickig. Eines dieser Gebäude, bei denen sich die Fenster nicht öffnen lassen. Priska saß gerade da, wie von ihrem Schnür-Shirt gefesselt.

«Ich gebe Ihnen zehn Einstelltage», sagte sie, wie wenn sie den Entscheid selber noch abwägen müsste.

Das hieß zehn Werktage ohne Arbeitslosengeld, praktisch einen halben Monat lang.

«Ich glaube, ich spreche an eine Wand. Ich muss nun einfach diese Einstelltage verfügen, Sie haben ja selbst das Diagramm gesehen. Ich tue das nicht gerne. Niemand macht das gern. Ich will, dass Sie mir ab jetzt schon Mitte Monat einen Zwischenbericht schicken, wie es mit Ihren Bewerbungen steht. Ich will jetzt grundsätzlich Resultate sehen. Wenn nichts geschieht, muss ich weitere Maßnahmen ergreifen.» (Seiten 45ff.)

 

Das kriegen wir hin! Ein Schweizer Alptraum

(Roman)

 

Ich war noch nicht lange bei der «WochenPost», als Stierli eines Morgens wie ein Grabstein beim Redaktionsdesk verharrte. Er hatte gerade ein dickes Kuvert geöffnet. «Das gibt’s ja nicht!» Was war passiert? Die Auslagerung der Kunstfaserfabrik aus M. nach Thailand? Oder war ihm nur jemand übers Leberchen gekrochen? Bisher hatte sich Stierli jede «sensible» Geschichte unter den Nagel gerissen, obwohl ich fürs Recherchieren angestellt war. Kam ich nun endlich zum Zug?

«Am Mittag könnt ihr’s im Radio Quicky hören», sagte Stierli. Seine kleinen, runden Brillengläser waren matt. Wüthrich stand schon neben ihm und zog ihn in sein Büro. Der Geschäftsleiter und der Redaktionsleiter legten den Kurs fest. Alles wartete, Iselin tuschelte mit Affentranger. Dann das Wüthrichsche Grinsen. «Wenn du Hungerbühler angerufen hast, kommst du wieder zu mir. Wirklich eine feige Attacke», sagte Wüthrich zu Stierli, der diskret seinen Blick über die Redaktoren schweifen ließ.


Hungerbühler war der Gemeindepräsident von M. Ihm stellte mich Stierli gleich bei meinem Stellenantritt vor. Ein dickleibiger, schwer atmender Witzbold in einem Ledersessel, der keine Notiz von mir nahm. Stierli sprach, plötzlich unterbrach ihn Hungerbühler: «Aber man kann da nicht irgendetwas schreiben… Wie hieß dieser andere noch… Das stimmte dann überhaupt nicht.»

Stierli war zusammengezuckt. «Du kannst die Texte ja immer im Voraus sehen… Ich werde ein Auge auf Herrn Springer haben.»

Das Büro erinnerte an das Direktionszimmer aus einem billigen amerikanischen Streifen. Eine Art Fantasieburg mit schweren Möbeln und schweren Schinken von renommierten Malern. Hungerbühler machte den Eindruck, als ob er sich hierher vor Angriffen der Öffentlichkeit in Sicherheit brachte.

«Stierli, diese Uhr kennst du ja.»

«Das ist die Stempeluhr, die er als Direktor beim Verkauf der Kunstfaserfabrik ins Ausland ersteigerte», flüsterte mir Stierli ins Ohr.

Auf der Rückfahrt sagte mir Stierli, dass auch sein Vater ein Direktor der Kunstfaserfabrik war.

 

Stierli telefonierte und telefonierte. «Ist Hungerbühler zu sprechen? Und Nyffenegger? Walker? Richten Sie aus, dass einer der Herren mich umgehend zurückruft? Alle befinden sich in einer Klausur? Es ist dringend… Wer zurückrufen soll? Gleich wer. Danke.» Vergeblich versuchte ich von ihm Aufschluss zu erhalten. Gereizt wandte er sich ab und machte sich Notizen. Ich blieb neben ihm stehen.

«Stierli, läuft’s?», wollte ich ihn aufziehen.

Er wandte sich mir zu, etwas leicht Hilfloses schien mir in seinem Blick zu liegen. Er fragte mich, ob wir etwas Kleines essen gingen, gleich jetzt. Das war bisher noch nie vorgekommen.

Im Auto reichte er mir bedeutungsvoll das Kuvert. Ich kramte den dicken Stoss Papier hervor.

«Tango corrupti in M. Albert Nyffenegger, Gemeinderat und Hasspartei-Regierungsratskandidat, in Korruptionsskandal verwickelt. Das Wahlvolk soll wissen, welche Leute mit welchen Neigungen im Februar bei ihm auf Stimmenfang gehen.» Der Brief «an die Redaktionen» war anonym. Ich überflog die folgende geheime Aktennotiz, die vor zwei Jahren aufgesetzt wurde, als sich der Finanzdirektor des Kantons, Munz, mit Gemeindepräsident Hungerbühler, Bauvorsteher Walker und Gemeindeschreiber Haas traf. Betrug, Amtsmissbrauch und Nötigung standen zur Diskussion. Der Gemeinderat von M. habe für den Bruder von Gemeinderat Nyffenegger einen Steuererlass von 350'000 Franken beim Gemeindesteueramt angewiesen, obwohl bereits der Kanton ihm durch «flexible» Rechtsauslegung stark entgegengekommen sei. Der Gemeinderat habe sogar einen vollständigen Steuererlass in der Höhe von über 700'000 Franken erwogen, ihn dann aber als schwer durchführbar verworfen. Nach der Aussprache habe Munz dann von einer Anzeige abgesehen, «wegen des politischen Risikos». (Seiten 12ff.)

 

Reise durch die Gebärmutter und die Wüste. Katholisches Roulette

(Langgedicht)

 

Worthülsen explodieren in der Erinnerung

Asche verblichener Zeiten

Hohlräume

Die toten Punkte

Zuschaufeln

Das Leben rinnt aus

seit die Mutter mir einen Namen gab

 

Ich werde meine Mutter nicht los

Maschen und Netze von früher

ins Meer der Selbstverneinung tauchen

das Blut versalzt

in Zeitportionen

 

Die Kindfrau

der zweite Mensch

das Kind

das Mädchen

unerreichbar

keine Mutter

keine Mutter soll sie sein

 

Den Wellen übergeben

rechnet die Haut mit mir ab

ich stehe auf der Strasse

unberührbar

wie gelernt

unstillbar

 

Die Begegnung ist in der Erinnerung

durchschossen mit Eifersucht

vom Arsenal der Mutter

zur Körperverwaltung

 

Träume wuchern

ich hatte niemals etwas gesagt

Ich verharrte im Schweigen

Die Mutter und das Fremdsein

Bei Tisch

Ruhe

lautlos frage ich das Luftloch

Verfall seit je

Sie bringt einen dämpfenden Tee

als könnte ich aus der Unsichtbarkeit treten

 

Im Traum erscheint die Mutter jünger

verführerisch

oder

ich gelange nicht an die Wasseroberfläche

Mutters ruhiges Gewissen schaut zu

so ein Träumer

sagt sie allen im Traum

sie sehen sich bestätigt

oder

das Monster verschlingt mich

und das Monster erweist sich als Mutter

die plötzlich erschrickt

 

Der Tag liegt im Schatten der Einsamkeit

des ersten Menschen im Leben

wie ein Herumstreunen von Hunden

Ich will zugreifen

es sind schwarze Engel

unsagbar

unwägbar

ölige Nachtschattenengel

(Seiten 5f.)

 

Leseproben aus anderen veröffentlichten Texten

Roque Senderos. Ein Geschei(ter)ter?

(Kurzgeschichte)

 

Ich lernte Roque vor gut zwanzig Jahren kennen. Damals gehörte er, der Dichter, bereits der Revolutionären Befreiungsarmee an. Sein impulsives Auftreten stach mir ins Auge. Er war schmächtig, drahtig und trotzdem robust gebaut, hatte rotes krauses Haar. Von mir beobachtet, fixierte er mich eindringlich, im gedämpften Barlicht nahmen seine blitzenden Augen einen herausfordernden Zug an. Alles musste bei ihm eine gesteigerte Bedeutung annehmen, entscheidend, lebenswichtig sein. Er musste vor Enthusiasmus glühen. «Das machen wir!» «Gut gesagt!» Gut gesagt, war eine seiner häufigsten Redensarten – Haltepunkte für sich, Merk- und Reizpunkte für die anderen, um den Alltagstrott auszutricksen und sich Raum zu verschaffen. Er nahm plötzlich, meist schien er in seinem Redefluss nicht zuzuhören, einen Einwurf von mir auf, umzingelte ihn und entflammte sich daran. Was ihm darauf einfiel, war dem Erwähnten voraus oder befand sich bereits an einem anderen Ort. In der relativ kurzen Zeit, die uns vergönnt war, verloren wir uns oft monatelang aus den Augen, aber stets, so erging es mir, waren wir geistig miteinander verbunden.

 

1991 hatte sich Roque der literarischen Gruppe «Engagierte Generation» angeschlossen, der auch ich damals guten Gewissens angehörte. So konnte ich mir, in einem kontroversen Rahmen, ein genaueres Bild von ihm machen. In seinem Lebenslauf, das er dem Komitee vorlegen musste, gab er an, eine Erziehung in einem jesuitischen Internat genossen zu haben. Seine Familie gehörte foglich dem gehobenen Mittelstand an, was auch sein Äusseres nicht verleugnen konnte. «Alles habe ich gehabt», erzählte er mir damals. «Fiel es mir nicht in den Schoss? Mütterlicherseits stamme ich von Basken ab. Der Vater, ein Galicier, ging mittellos in die USA. In den USA war damals Depression. Er schuf sich in Mittelamerika im Kaffeehandel hoch. Die ersten 15 Jahre meines Lebens wechselten wir in Lateinamerika ständig den Aufenthaltsort 1974 mit 65, ich war gerade 20, starb mein Vater. Ich hätte als einziger Sohn das Geschäft und die Hazienda übernehmen sollen. Für mich war der Handel nichts. Ich verkaufte das Unternehmen und brachte das Geld auf einer Reise durch und in die revolutionäre Bewegung ein. Meine Verwandten verstanden mich nicht. Vorher waren meine roten Haare für sie das einzige Thema, um mich durchzuhecheln. Kurz vor dem Tod meines Vaters fing ich ein Jusstudium an. Mit 23 brach ich dieses ab und verreiste nach Europa. Was konnte ich juristisch hier ausrichten? Ich wusste nicht, wie mit mir weiter. Mein Erlebnisdrang war zudem riesig. Die Welt begann sich immer schneller zu drehen. Nach der Reise wollte ich etwas auf die Beine stellen.» Er habe bisher Gedichtbände verfasst, gab er dem Komitee an, aber noch keiner sei veröffentlicht. (Beginn der Kurzgeschichte)

 

 

Unter dem Weissen Kreuz

(Prosagedicht)

 

Briefe aus dem Exil

Der linke Kreuzesarm

 

Ich bin immer noch unterwegs. Du weisst, wo ich hinaus will. Es ist nicht leicht, Tritt zu fassen. Gelenklockerung, Flagge zeigen. Zerstückelt. Jeder Tag ein neuer Anfang, vielleicht ein Neuanfang, auch wenn sich der Horizont mehr und mehr verliert. Du kennst mich genug, um zu ahnen, dass meine Suche von gewissen Momenten lebt. Momente, die mir im Moment ein Nest sind, ein Nest, ein Hochstand, eine Morgenröte. Diese Momente, ich sammle sie schliesslich begierig, versuche sie zusammenzusetzen. Wohlverstanden, ich lege sie nicht ab ins Album. Im Gegenteil, es handelt sich um einen Keimungsprozess, den ich mir erhoffe, vielleicht in meiner mittleren linken Hirnhälfte. Darum schüttle ich so oft den Kopf.

 

Heute, im Verlauf des Tages, habe ich – zufällig? – eine Ausweitung meiner mich umhüllenden Blase festgestellt. Ich deute dies als ein gutes Zeichen. Verheissungsvoll? Wann genau diese Erweiterung stattgefunden hat, kann ich leider nicht sagen. Auch nicht, ob sie auf eine leichte Reduktion der Innenseite der Aussenmembran zurückzuführen ist. Da sich mir die Blase ja verschieden zeigt, manchmal durchsichtig, wie nicht vorhanden, manchmal opak, vor allem wenn ich döse und meine Sehschärfe selbst reduziert ist. Von aussen ist sie höchstens durch meine Manöver wahrnehmbar. Wie geht es deiner Blase? Engt sie dich ein? Wir haben nie darüber gesprochen. Ich denke, es ist Zeit, dies aufs Tapet zu bringen. Viele benötigen Wolken, behandeln sie als handfeste Tatsachen. Glaubst du, sie sind sich ihrer Blase bewusst? Meine eigene Sucht nach Hochständen kann mir Trugbilder vorspiegeln. Wenn die Sicht dann kaleidoskopartig oszilliert und sich mir die Zunge lösen will, dann ist höchste Vorsicht geboten, um nicht abzuheben. Wir haben schon genügend Gaukler. Erschreckt wende ich mich ab. Ist meine Blase auch durchlässiger geworden? (Anfang von Teil 2)

 

Tanz auf den Wolken

Der rechte Kreuzesarm

 

Wie gehe ich Herrn Schleimspur aus dem Weg? Er nähert sich in rohen Bergschuhen, das Weisse Kreuz auf dem Rücken. Trotzdem ist sein Schritt verwirrend geschmeidig. Nehme ich wie vorgesehen den Schimmelbus? Es ist schon zu spät, er sah mich von weitem und er kommt von oben. Ich werde nichts sagen.

 

„Da habe ich Sie ja wieder. Schon lange will ich Ihnen von den neusten Fortschritten berichten.“ Doch er denkt: Ich hörte, Sie verglichen mich mit einem frischfröhlichen Lemming. Wenigstens sind Schleimspurs Pupillen wie ein klarer Vorwurf verengt. Wenn er mir nur nicht die versöhnliche Hand zum Abschied reicht. Gleite ich so oder so ab? (Anfang von Teil 3)